Kolumne Christian Planer


Olympische Spiele 2008

31.10.2008

Schon mal vorab, nicht alles war so wie es schien, trotzdem waren die olympischen Spiele in
Peking mehr als imposant. Mit den nächsten Zeilen möchte ich euch einen kleinen Einblick hinter die Kulissen der Spiele geben und euch von meinen Eindrücken abseits der Wettkampfstätte erzählen.  

Habt ihr die Eröffnungsfeier mit verfolgt? Ein Prunk Ende nie, über mehrere Stunden jagte ein Highlight das andere und zum Abschluss gab es ein noch nie da gewesenes Feuerwerk, das sich sehen lassen konnte.  

Wir Sportler blicken meist mit einem weinenden und einem lachenden Auge auf die Eröffnung.
Als der Showdown im National Stadion begann, nahmen alle Nationen erstmals Aufstellung im Olympischen Dorf. Dann hieß es Warten: Warten im Bus bis er los fuhr, und nach der Busfahrt am Ziel angekommen, warten bis wir aussteigen konnten. Bevor wir in das Olympiastadion einmarschierten, hieß es Platz nehmen im National Indoor Stadion, um auf unseren Aufruf zu
warten. Drei Stunden vergingen, aber das Erleben eines der wichtigsten Ereignisse der Sportlerkarriere war immer noch eine fast kilometerlange Menschenschlange entfernt.
Der Weg vom Stadion, indem die  Turn- und Gymnastikdisziplinen stattfanden, ins
Olympiastadion, war links und rechts gesäumt von Volunteers, die uns Wasserflaschen reichten
und Sportbegeisterten, die sich das eine oder andere Foto mit Stars der Sportwelt einheimsten.
Nur mehr 100m vor unserem Auftritt entfernt, konnten wir durch die „Katakomben“ Blicke in das Innere erhaschen und das Brodeln der 90.000 Zuschauer lies uns das eigene Wort nicht mehr verstehen...  

„Autriche“, „Austria“, „Aodili“ hieß es aus den Stadionboxen...
Gänsehaut pur und ein unbeschreibliches Gefühl waren nicht nur der Lohn für unser
stundenlanges Warten, sondern auch für das jahrelange Training und den Verzicht auf
so manches...
Die Stimmung im Pekinger „Vogelnest“ während dem Einmarsch ist vom Anfang bis zum
Ende mit Superlativen zu beschreiben. Getoppt wurde dies nur, als Yao Ming, der 2,26m
große NBA-Star aus China, samt Flagge des Gastgeberlandes, den Boden des Stadions betrat.  

Nicht nur die Stimmung im Stadion ist mit Superlativen zu beschreiben, auch die Temperatur gab manchem die Möglichkeit die Belastbarkeit seines Körpers zu testen. So wie Katerina Emmons,
die einen Tag später mit 400 Ringen für Furore sorgte und die erste Goldmedaille Peking 08
gewann, hätten sich zu diesem Zeitpunkt auch die chinesischen Volunteers eine Medaille verdient. Obwohl jede der in weiß gekleideten Chinesinnen nur mit einer kleinen Flasche Wasser „bewaffnet“ war, teilten sie mit uns Sportlern, das in diesen Stunden äußerst kostbare Gut. Einige von ihnen bezahlten ihre Hilfsbereitschaft mit einem Kreislaufkollaps und brachen zusammen. Dank der Aufmerksamkeit der Sportler und vor allem der Teamärzte konnte rasch geholfen werden und niemand kam zu Schaden.  

Acht Soldaten, die in strengster militärischer Art und Weise und mit noch nie gesehener Präzision in ihren Bewegungen, die olympische Flagge herein führten und hissten, leiteten den Höhepunkt der Eröffnungsfeier ein. Eines der best gehüteten Geheimnisse aller Spiele ist die Zeremonie der Flammenentfachung. Alle Menschen hielten im dunklen Lichtermeer des Stadions inne, eine Weile geschah nichts und die Spannung stieg. Ein erstauntes Raunen ging durch die Menge als schlussendlich Chinas olympischer Erfolgs-Turner von 1984, Li Ning, in unkonventioneller Weise und in akrobatischem „Höhen-Wandlauf“, das Feuer im National Stadion entfachte.
Die Spiele waren eröffnet, 302 Medaillenentscheidungen folgten.  

Das Anfangs angesprochene Feuerwerk dauerte in Wirklichkeit 60 Sekunden. Zuhause wieder angekommen wurde ich des Öfteren auf das fantastische Feuerwerk angesprochen. Ich entgegnete diese Ansicht meist und wunderte mich stets. Später erinnerte ich mich, dass ich am Vortag ein Feuerwerk über längere Zeit wahrnahm, ich dies aber als Probelauf für die Eröffnung abtat. Nun kann ich die Widersprüchlichkeit lösen. Um Pannen vorzugreifen spielte die Organisation wohl das Feuerwerk vom „Probelauf“ ein ;-)  

Neben den olympischen Sportstätten glänzte auch das 16.000 Betten fassende olympische Dorf.
Ich kannte Peking bereits vom Weltcup im Frühjahr und war deshalb umso mehr positiv
überrascht als ich am 5. August mein Zimmer im olympic village bezog. Als geborener Walchseer bin ich ländliche Häuser, gebettet in den Tälern der Tiroler Berge gewohnt und fühle mich Zuhause am wohlsten. Mit aufwendig und zugleich liebevoll gestalteten Parkanlagen haben es die Chinesen geschafft, dass ich mich auch in Peking wohl fühlte. Für alles wurde gesorgt, nur Wäsche
waschen und bügeln durften wir selber, was aber in so mancher Leerlaufzeit für willkommene Abwechslung sorgte.  

Die größte Ansammlung an Athleten gab es täglich im Essenszelt, das eine Dimension von drei Fußballfeldern aufwies und Platz für 6.000 Personen bot. Unser Favorit war von Beginn an die Peking Ente, die wir wegen einer der Frühlingsrolle sehr ähnlichen Art und Weise des Anrichtens in den ersten Tagen fälschlich auch als solche bezeichneten. Ob mediterran oder asiatisch, alles war 24 Stunden am Tag frisch zubereitet zu haben. Die Zahlen sind beeindruckend: Unter anderem 16 Tonnen Peking-Ente, fast eine Million Bananen und über 800.000 Eier bekamen Athleten, Trainer und Medienvertreter aus aller Welt während der Olympischen Spiele und der Paraolympics serviert. Selbst ein MC Donalds erntete bei einem Big Mac-Index von Null Euro und dem Fortschreiten der Medaillenentscheidungen immer mehr Zuspruch von den „Bürgern“ des olympischen Dorfs.  

Polizei oder Militär waren selten zu sehen, bei dem täglichen Check-In in das olympische Dorf zogen sie jedoch sämtliche Register. Als erstes stand die Gesichtskontrolle mit einer ungewohnten Disziplin der Security an, sogar Kopfbedeckungen, Sonnenbrillen und dergleichen waren abzunehmen. Danach wurde die ID-Card gescannt und abschließend wurde Gepäck und Mensch, ähnlich dem Kontrollprozedere an Flughäfen, durchleuchtet.  

China wurde ihrer Rolle als Gastgeberland in allen Belangen mehr als gerecht und ließen die zweieinhalb Wochen die ich in Peking verbrachte wie im Flug vergehen.    

Euer Christian






01.10.2007

Ein Jahr vor Peking

Dass es  nicht einmal mehr ein Jahr bis zu den olympischen Spielen in Peking dauert, zeigte das Organisationskomitee der ganzen Welt mit einer prachtvollen Einleitung des Countdowns. Mich muss man natürlich nicht extra daran erinnern, dass am 08.08.08 die Eröffnung und am 11.08.08 der erste Wettkampf am Programm stehen. Der grobe Vorbereitungsplan, der wichtige Aspekte wie z.B. Techniktraining, Mentale Vorbereitung, Material usw. beinhaltet, steht und gibt mir die Richtung nach Peking vor.

Nicht nur für mich, sondern auch für Mario Knögler und Thomas Farnik war das frühzeitige Erringen der begehrten Quotenplätze im letzten Jahr sehr hilfreich. So konnte ich in diesem Jahr verschiedene Tests am Materialsektor durchführen und auch an meinen Anschlägen basteln. Manches war erfolgreich und anderes insofern erfolgreich, weil es mir aufzeigte, dass es so nicht funktioniert ;-)

Aus den gewonnenen Erkenntnissen der Saison sollte es mir bis Ende des Jahres gelingen, den richtigen Materialcocktail zu mixen.

Trödeln ist nicht erlaubt, es gilt in den noch „wenigen“ verbleibenden Wochen die Zeit sinnvoll zu nutzen –  sich aber nur auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Wesentliche bedeutet, die vielen im Kopf geborenen Ideen richtig abzuwägen, um so nicht Energie in Unnötiges zu investieren. Um bei den stetig steigenden Leistungen nicht ins Abseits zu geraten, wäre es sehr wohl richtig alles erdenklich zu versuchen.

In anderen führenden Nationen stehen für Materialtests und Umsetzung innovativer Ideen meist fachkundige und engagierte Betreuerstäbe hinter den Sportlern, die es ihnen ermöglichen, sich alleinig auf das Training zu konzentrieren. Tatsache ist, dass mir eine solche Struktur nicht zur Verfügung steht und ich, um alle Ideen in meinem mir zur Verfügung stehenden Zeitrahmen verwirklichen zu können,  nie mehr zum Training am Schießstand stehen würde. Da aber am Tag X, dass Material nicht den größten Leistungsbestimmenden Faktor darstellen wird, erscheint es mir in diesem Fall äußerst sinnvoll, an den bestehenden Stärken anzusetzen, diese zu festigen und auszubauen J

In diesem Sinne werde ich die nächsten zwei Wochen Pause noch genießen und wünsche allen Schützen einen erfolgreichen Start in die neue Luftgewehr-Saison!

Euer Christian


07.04.2006

Bundesliga die Zukunft, Tiroler Landesliga ein Schritt in diese Richtung

Nach langjähriger Abstinenz der Tiroler Landesliga im Terminkalender der Tiroler Sportschützen wurde sie vor vier Jahren von Landessportleiter Luftgewehr, Walter Suppersberger, wieder ins Leben gerufen.
Die Philosophie war, die Österreichweit gesehene hohe Leistungsdichte unseres Landes der Öffentlichkeit näher zu bringen, den Vereinen in Tirol neue und zusätzliche Motivation zu geben und den Sportschützen in Tirol weitere qualitativ hochwertige Wettkämpfe zu bieten.
Um den Gegnern einer Landesliga Wind aus den Segeln zu nehmen wurden die Wettkämpfe an fünf Samstagen, je einer verteilt auf die Monate November bis März, auf dem Schießstand der Innsbrucker Hauptschützengesellschaft in Arzl ausgetragen. Mit dieser Verlegung der Wettkampftage von unter der Woche auf Samstag und das Zusammenlegen der Wettkämpfe auf einen Austragungsort, statt wie früher bei den einzelnen Vereinen, wurde die Basis der „Landesliga Neu“ geschaffen.
Weiters neu für die Sportler war die Gegebenheit, dass die Wettkämpfe nicht mehr im stillen Vereinsschießstand stattfanden, sondern sie ihr Können vor einem zwar noch kleinen aber umso mehr interessierten Publikum zur Schau stellen durften. Wie gerade erwähnt, war es am Schießstand nicht mehr still, denn durch die laufenden Durchsagen der Ergebnisse wurde zudem noch die psychische Belastung der Sportschützen gefordert - jeder wusste von nun an wie die jeweilige Sportlerin/Sportler bzw. seine Mannschaft im Rennen lag.
In den ersten Jahren, nachdem die ersten Runden vorüber waren, die erste Euphorie nachließ und sich die vorderen Platzierungen mehr und mehr herauskristallisierten, traten bei den letzten Wettkämpfen einer Landesligasaison nicht immer alle Mannschaften an. Doch war der Durchhänger nur von kurzer Dauer, die Mannschaften honorierten immer mehr die Bedeutung und Wichtigkeit der Wettkämpfe durch das stetige Teilnehmen an allen Runden. Der Versuch die Tiroler Landesliga wieder zu aktivieren hat sich nun gelohnt.

Walter Suppersberger setzte mit dem neuen Konzept mutig einen notweniger Schritt in Richtung Zukunft der Tiroler Landesliga. Die ersten drei Jahre gewann jene Mannschaft die nach Absolvieren aller Runden die meisten Ringe vorweisen konnte und fand einen würdigen dreifachen Meister, die SG Bruckhäusl.
Heute wird, ein wenig aus der deutschen Bundesliga abgekupfert, der Sieger mittels Punkte ermittelt. Die Mannschaften treten seit dem vierten Jahr der „Landesliga Neu“ gegeneinander an, nicht nur das, auch die Sportler einer Mannschaft kämpfen gegen einen unmittelbaren Schützen der gerade konkurrierenden Mannschaft um die wertvollen Punkte für die eigene Mannschaft nach Hause zu holen. Die Nummer 1 der Mannschaft A tritt gegen die Nummer 1 der Mannschaft B an, Nummer 2 gegen Nummer 2, usw.. Auf jede Paarung und der Gesamtringanzahl der Mannschaft werden zwei Punkte vergeben und ermöglichen es einer Mannschaft mit einem Maximum von 10:0 zu gewinnen.
Den ersten Meistertitel in diesem neuen Modus trug die Mannschaft der SG Umhausen davon.

Der Konsens aller teilnehmenden Schützen stimmte meist überein: Hart, spannend und leistungsfördernd für den jeweiligen Sportler.

Sicher wird die eingebrachte Modusänderung in der Tiroler Landesliga nicht die letzte sein. Vielmehr vermute ich ein langsames Herantasten an den Modus der deutschen Bundesliga, in der man bereits seit einigen Jahren nicht im gemütlichen Schützenheim bleibt, sondern durch das Verlegen des Wettkampfortes in große Sporthallen die Show zum Publikum trägt. Dank modernster elektronischer Schussanzeigen werden diese Wettkämpfe zu Events für jedermann und jederfrau.
In Szene gesetzter Einmarsch der Schützen durch Musik, Licht und Nebel, ständiges Informieren über den aktuellen Stand des Wettkampfs durch Bildschirme, Videobeamer und Platzsprecher, applaudierende, rasselnde, hupende, jeden Schuss kommentierende Fans - machen dem Schützen das Leben schwer. Aber umso eindrucksvoller wohl für das Publikum, wenn es sieht welche Leistungen von den Sportschützen zu Tage gelegt werden.

„Einen ähnlichen Wettkampf wie die deutsche Bundesliga in Tirol zu machen ist unmöglich“, werden einige sagen, doch das Gegenteil hat schon die SG Münster bewiesen, die mit der Idee der Inszenierung und der Durchführung des Alpencups im Jahr 2004 wahre Pionierarbeit geleistet hat um nicht zu sagen sie hat sich damit sogar ein Denkmal gesetzt. Von höchsten Stellen des österreichischen Schützenwesens wurde ihnen gratuliert und gleichzeitig versprochen diese Idee aufzunehmen und jährlich einmal an anderen Orten in Österreich stattfinden zu lassen, passiert ist nichts…

Es gibt wahrscheinlich einen einzigen, aber dafür umso schwerwiegenderen Grund und der ist im finanziellen Bereich zu suchen. Klar, so ein Wettkampfwochenende würde ein kleines Loch in fast jede Vereinskassa fressen, doch wenn keiner den Stein „geben und geben lassen“ mit Sponsoren, ins Rollen bringt, wird sich das Rad weiterhin so träge bewegen wie jetzt.

Um in Tirol die Landesliga jedoch in solche Sphären aufsteigen zu lassen, wie gerade in den oberen Zeilen beschrieben, wird es nötig sein eine österreichische Bundesliga zu erschaffen…


Bis bald - Euer Christian

 



15.08.2005

Fast hätte man den ganzen Rummel um die Regelerneuerung 2005 in Sachen Steifigkeitsmessung der Schießbekleidung vergessen…
Fast hätten wir Österreicher unseren Mannschaftseuropameistertitel im 3 x 40 in überlegener Manier verteidigt…

…wären wir nicht am 10. Juli bei den Europameisterschaften in Belgrad disqualifiziert worden.

Der 10. Juli chronologisch aufgelistet:

ca. 12:05 Uhr –
Ich hatte meinen letzten Schuss im Kniendanschlag absolviert. Gleich im Anschluss informierte mich unser Betreuer über den Stand der Dinge: „Mario 1171 Ringe, Thomas 1170 Ringe, wahrscheinlich seid ihr Mannschaftseuropameister“

ca. 12:15 Uhr –
Es stand fest, wir haben mit 1504 Ringe zwar knapp unseren eigenen Weltrekord verfehlt, jedoch mit 7 Ringe Vorsprung auf Russland gewonnen. Es war Perfekt, wir wurden unserer Favoritenrolle gerecht und feierten deshalb schon ein wenig vor.

ca. 12:30 Uhr –
Nachdem ich mein Kleinkaliber versorgt und meine Ausrüstung verstaut hatte, ging ich vor ins Restaurant, um mir mein wohlverdientes Cola light zu genehmigen.

ca. 12:50 Uhr –
bekam ich die Nachricht über Schwierigkeiten von Thomas bei der Nachkontrolle. Da ich wusste, dass er noch nie Probleme mit seiner Ausrüstung hatte, machte ich mir nicht wirklich Sorgen. Um mir ein Bild darüber zu machen, ob ich jetzt ein Opfer eines Scherzes sei oder nicht, ging ich doch noch zur Bekleidungskontrolle.

ca. 12:55 Uhr –
Eintreffen an der Ausrüstungskontrolle.
Tatsächlich, Thomas an der Kontrolle.

20 min. Diskussionen, die mit den Worten:“ Was machen wir Thomas? Die Russen schauen mir zu, ich kann dich nicht gut durchlassen…“ eines verantwortlichen Jurymitglieds beendet wurden. Die Jury zog sich zur Beratung zurück, Thomas wartete auf einen ordnungsgemäßen Bescheid und ich begab mich wieder auf den Schießstand um meine Ausrüstung Flugtauglich zu machen.

ca. 13:35 –
Uhr Thomas Farnik war auf der Liste der Finalteilnehmer nicht zu finden. Anscheinend hatte man ihn disqualifiziert und wahrscheinlich unsere Mannschaft noch dazu. Thomas selbst wartete immer noch bei der Bekleidungskontrolle auf einen klaren Entscheid…

Wären mir an dieser Geschichte nur ein oder zwei Kleinigkeiten Suspekt, würde ich sagen, dass Thomas die Verantwortung für unsere Disqualifikation tragen müsse und der Inhalt meiner fünften Kolumne würde in eine andere Richtung steuern. Je mehr ich aber darüber nachdenke, mit anderen Personen darüber spreche und mir die verschiedensten Informationen zusammen trage, wird mir klar, dass sehr viele Sachen nichts mit professioneller Arbeit hinter den Kulissen zu tun hat.

Es gibt meiner Ansicht nach 3 verschieden Hauptansätze, die unsere Disqualifikation in Frage stellen.

Regelwerk, Übergangsbestimmung und Auslegung:

Laut den ISSF Reglement 2005-2008 sollte eine Regelkonforme Messung wie folgt ablaufen:

Falls bei einem Bekleidungsstück nicht bereits bei der ersten Messung der Wert von 3,0 mm oder darüber erreicht wird, muss die betreffende Jacke oder Hose für einen Zeitraum von 5 Minuten bis zur nächsten Messung abgelegt werden. Während dieser Zeit darf das Bekleidungsstück nicht den Kontrollraum verlassen und eine Bearbeitung des Materials, die nur eine vorübergehende Erweichung erzielt, ist ebenfalls nicht gestattet. Wird der Mindestwert auch bei der zweiten Überprüfung nicht erreicht, kommt es nach wiederum 5 Minuten Pause zur dritten und letzten Messung, die bei einem Ergebnis von 2,9 mm und darunter eine Disqualifikation nach sich zieht.

Jedoch gibt es eine Veröffentlichung seitens der ISSF mit der Überschrift „A Special Report – New Rifle Shooter Clothing Testing Procedures“ in der das Kontrollprozedere für die Übergangsperiode, die mit Anfang des Jahres 2005 bis zum Weltcup-Finale München Ende August 2005 definiert ist, beschrieben wird. Dieses „Special Equipment Control Rifle Clothing Testing Procedures“ sollte dem internationalen Verband helfen Erfahrungen zu sammeln und uns Schützen die Chance geben unsere Ausrüstung auf das neue Reglement abzustimmen.
Da die Bekleidung von Thomas bei der Kontrolle vor dem Wettkampf für in Ordnung befunden wurde, ist aus der Übergangsbestimmung leider nicht klar zu erkennen, wie das Reglement in seinem Fall und unserer Mannschaft zu handhaben gewesen wäre. Klar ist aber, wie ihr am unten angeführten Auszug erkennen könnt, dass unserer Disqualifikation nicht unbedingt dem Wunsch der ISSF und dem Sinn einer sportlichen Lösung nachgekommen ist.

o Punkt 2: Wenn die Bekleidung eines Schützen anhand der Überprüfung für zu Steif befunden wird, darf dieser eine Ersatzbekleidung zur Kontrolle vorlegen.
o Punkt 3: Fällt bei der Bekleidungskontrolle die Erst- und Ersatzausrüstung durch, wird der Schütze schriftlich verwarnt. Darf aber am Wettkampf teilnehmen.
o Punkt 5: Steigt ein Schütze, der bereits schriftlich Verwarnt wurde, ins Finale auf, muss dieser mit seiner Bekleidung zur Nachkontrolle. Wird die Bekleidung bei der Nachkontrolle für in Ordnung befunden, darf der Schütze im Finale antreten.
o Punkt 6: In diesem Punkt wird beschrieben, dass ein Schütze, der die Nachkontrolle nicht besteht, aus dem Wettkampf genommen wird und nicht am Finale teilnehmen darf, so wie es mit Thomas geschehen ist. Es geht aber nicht heraus, ob der Schütze im Vorhinein schriftlich verwarnt worden sein muss (Was bei Thomas nicht der Fall war), oder die Disqualifikation auch ohne Verwarnung gültig ist.
o Punkt 7: Von Seiten der ISSF bleibt es den kontinentalen Verbänden überlassen wie dieses Prozedere bei Teamentscheidungen während einer kontinentalen Meisterschaft gehandhabt wird.
Da bleibt die Frage:
Hat sich die ESC schon vor der Europameisterschaft Gedanken darüber gemacht ob eine Mannschaft wegen eines Regelverstoßes eines Einzigen disqualifiziert werden soll, oder wurde von der Jury vor Ort aus dem Bauch heraus entschieden??? und sind dann die Jurymitglieder, die eventuell aus dem Bauch heraus entscheidet, auch gleichzeitig der kontinentale Verband, in unserem Fall die ESC???

o Punkt 9: Ab dem Weltcup-Finale 2005 wird von der Übergangsregelung Abstand genommen und es werden keine schriftlichen Verwarnungen mehr ausgestellt.

Weder im Regelwerk 2005-2008 der ISSF, oder in veröffentlichten Schreiben, die sich auf die Regelerneuerungen 2005 beziehen, ist eine klar definierte Zeitdauer einer einzelnen Steifigkeitsmessung zu finden. Normalerweise stellt eine genormte Messdauer bei einer Materialprüfungen eine wesentliche Einheit dar, doch wird in unserer Angelegenheit immer nur davon gesprochen, dass ein Prüfgewicht mit einem genormten Dorn langsam auf die Prüfflächen abzulassen ist und es dem Messgerät gestattet werden soll, sich eine weile setzten zu lassen… ??? Was nichts anderes bedeutet, dass es in manchen Fällen der Willkür des zuständigen Kontrollierenden überlassen bleibt, ob die Ausrüstung eines Schützen die Materialprüfung nun besteht oder nicht. Auf keinem Fall möchte ich den Kampfrichtern einen Hang zur Gehässigkeit in diese Richtung aussprechen, im Gegenteil, ich habe es noch nie erlebt, dass jemand auf diese Art und Weise geschnitten wurde. Was ich aber hier festhalten möchte, ist, dass eine genormte Messdauer einer einzelnen Messung für ein kontinuierliches und faires Kontrollprozedere unumgänglich ist, und wer weiß was geschehen wäre, hätte die Messung bei Thomas 10 Sekunden länger gedauert.

Äußerst unprofessionell empfinde ich die Tatsache, dass während einer Nachkontrolle weder ein Protokoll über die Messungen geführt wird, noch das Messgerät die vorherigen Werte abspeichert. Bei eventuellen Streitigkeiten ist es unmöglich den genauen Ablauf einer Kontrolle nachzuvollziehen.

Weiters aus einem Schreiben der ISSF (Guidelines for uniform equipment control), und einer Veröffentlichung im UIT Journal 6/96, geht unter 3.6. eine Anweisung hervor, die effiziente und gleich bleibende Messwerte garantieren soll. Unter Punkt 2 ist zu finden, dass die Bekleidung von außen nach innen gemessen werden muss…
Bei Thomas wurde die ganze Zeit von innen nach außen gemessen!!!


Messgerät:

In unserem Sport kann man Erfolge zwar nur in Taschengeld ummünzen und dadurch höchstens seinen Sport finanzieren, doch sollte die sportliche Ehre Grund genug sein, dass alle verwendeten Steifigkeitsprüfgeräte nicht nur von der ISSF genehmigt, sondern auch zusätzlich von staatlich beeideten Prüfanstalten geeicht und mit einem Zertifikat versehen werden.
Selbst wenn alle Geräte geeicht sind, verlieren die Zertifikate meines Erachtens an Bedeutung, sobald die Geräte einmal zerlegt, oder sogar Eigenständig abgeändert worden sind, und diese nicht einer neuerlichen Überprüfung einer unabhängigen Institution unterzogen wurden. Die Anfälligkeit dieser Maschinen wurde schon öfters unter Beweis gestellt. Einmal anhand von Fotos, die Kampfrichter an der EM in Belgrad zeigen während sie, aus welchem Grund auch immer, das Steifigkeitsprüfgerät zerlegten. Und weiters mit einer kleinen Geschichte die sich beim Weltcup in Fort Benning zugetragen hatte.

Ein Teammitglied unserer Mannschaft wusste, dass seine neue Bekleidung sehr am Limit war und ging mit diesem Wissen zur Bekleidungskontrolle. Bei den Messungen brachte das Prüfgerät durchwegs Werte unter 2,0 mm zu Tage. Der Schütze fackelte nicht lange herum und schnitt bei Jacke und Hose das komplette Innenfutter heraus. Trotz der permanent Veränderung seiner Bekleidung, die mit Steif nichts mehr zu tun hatte, stellte sich am Prüfgerät fast das gleich Bild ein: Werte um 2,0 mm. Das ganze österreichische Team half zusammen, wir klopften und rieben seine Ausrüstung weicher. Bei der dritten Messung kam er gerade so durch. Zwei Tage später musste er zur Nachkontrolle, die Werte: 5,0 mm, 6,0 mm und sogar weicher. Auf seine Frage, weshalb er am ersten Tag gerade so durchgekommen ist und sich die Werte so drastisch verändert haben, bekam er vom Kampfrichter folgende Antwort: „Er dürfe es eigentlich nicht weitersagen, doch an diesem besagten Tag mussten sie feststellen, dass kleine Steinchen im Gehäuse verhinderten, wahrheitsgemäße Werte wiederzugeben“… ca. € 1.000,- Schaden

Ein weiteres Beispiel, diesmal als Beleg für die Messunterschiede von Prüfgerät zu Prüfgerät.

Ein anderes Mitlied der österreichischen Nationalmannschaft legte sich kürzlich eine neue Schießbekleidung von einer Schweizer Firma zu. Diese Firma kontrolliert seine Produkte mit einem Gerät desselben Herstellers der auch die ISSF beliefert. An der Bekleidungskontrolle in Belgrad angekommen musste auch er seine Jacke und Hose zerschneiden… wieder ein Schaden von ca. € 1.000,-

Wieso diese Unterschiede zwischen den Steifigkeitsprüfgeräten bestehen und es manchmal zu Störungen in der Messmechanik kommt, konnte mir der Hersteller dieser Messgeräte eindeutig beantworten.

Die Wichtigste Information für mich war, dass der Aufbau des Messgerätes immer derselbe ist, es aber zwei Generationen mit unterschiedlicher Ausführung gibt. In der ersten Generation versuchte er das Steifigkeitsprüfgerät so zu bauen, dass es so gut wie möglich den von der ISSF genormten Abmessungen entspricht. Als bekannt wurde, dass obwohl der Messkopf genau den vorgeschriebenen 1000 g Gewicht entspricht, jedoch wegen der Reibung und des Gegendrucks der Feder, welche den Messfühler oben hält, keine tatsächlichen 1000 g Messdruck nach unten ausgeübt werden, verfeinerte er seine Konstruktion. Somit misst die neue Generation mit fast 100% des 1000 g schweren Prüfkopfs und im Zuge dessen wurden auch die Messstörungen ausgemerzt. Um Messunterschiede zu vermeiden, empfahl der Hersteller der Steifigkeitsprüfgeräte noch vor der EM in Belgrad mittels eines Schreibens an die ISSF, nur noch die neuen Geräte zu verwenden.


Gleichbehandlung der Sportler?

Ein Fall, in den es darum geht, wie Schützen unterschiedlich behandelt wurden ist allein schon mir bekannt. Wer weiß, wie viele Zwielichtigen Situationen es tatsächlich schon gegeben hat….

Beispiel einer Bekleidungskontrolle vor dem Wettkampf:
Die erste Messung eines Schützen ergab 2,5 mm, bei der zweiten Messung waren es sogar nur noch 0,9 mm. Für die dritte Messung wurde ein Jurymitglied geholt der die letzte Messung beaufsichtigte. Wieder wurde nicht der Mindestwert von 3,0 sondern nur 2,8 mm erreicht. Der Schütze wurde nicht mit einer schriftlichen Verwarnung versehen und mit den Worten: „Wir wissen ja das wir hier eine hohe Luftfeuchtigkeit haben, das passt schon“ für den Wettkampf zugelassen….

Resümee:

Ich bin nicht beleidigt weil ich in Belgrad keine Medaille erringen konnte, als Sportler lernt man auch Niederlagen zu verarbeiten, man darf aber die momentane Form der österreichischen Schützen nicht als selbstverständlich hinnehmen und eine schon fast in Händen gehalten Medaille verschenken. Jede Medaille an einem internationalen Großereignis stellt für jeden Sportler ein großes Erlebnis in seinem Leben dar. Allein der Gedanke an die Ungerechtigkeiten die uns widerfahren ist und mit welcher Unbekümmertheit so mancher Verantwortlicher aus den Funktionärsriegen seine Arbeit vollbringt und somit die Investitionen in Material und Zeit, Bemühungen und hartes Training eines jeden Sportlers zunichte machen kann, bereitet mir schlaflose Nächte…

Euer Christian